Cushioning – oder wie man sich heute in Herzensangelegenheiten absichert

Liebe Anna,

brrr…ist es bei Dir in Wien auch so garstig? Das Wetter hier in Zürich ist trüb, kalt, nass und windig…eigentlich ein Januar wie zu „guten“ alten Zeiten. „Guten“ weil man das einfach so sagt, früher war schliesslich alles besser…ausser das Wetter, wenn Du mich fragst. 🙂

Aber es ist nicht das Wetter, das mich veranlasst Dir zu schreiben. Es sind eher die „guten“ alten Zeiten, Zeiten vor ständiger digitaler Anbindung und dadurch entstandener neuer Kommunikations-, Verhaltensweisen und Wortkreationen. Und keine Angst, es folgt nun kein „früher war alles besser“ Monolog oder eine Verteufelung des digitalen Fortschritts und der damit verbundenen Anpassungen in der Gesellschaft. Es ist eher eine Mischung aus persönlich Erlebtem und Observation, was heute als Folge davon in der Dating Szene abgeht. Und da wir beide ja noch zu der Generation gehören, die auch bereits vor Handy, Internet und App-Gewische gedated haben – und es heute seufz noch immer tun – , finde ich ist so eine Beobachtung nicht ganz uninteressant.

Nach „ghosting“ – dem Phänomen, bei dem eine Person (und dabei sei klargestellt egal ob Mann oder Frau) mitten im dating Prozess, meist nach ca. 2-3 Monaten, einfach wie vom Erdboden verschluckt sich nicht mehr meldet und von heute auf morgen unerreichbar wird – sind „benching“ und „cushioning“ weitere Negativ-Trends.

Schon das ghosting war ein Schock an sich. Wie konnte sich jemand, der gestern noch scheinbar verliebte SMS oder What’s App Nachrichten geschickt hatte, beim letzten Treffen noch mit heissen Küssen sein Interesse beteuert hatte, sich einfach von heute auf morgen ohne für den Gegenpart ersichtlichen Grund kommunikativ vollkommen in Luft auflösen? Meist ging dem Verschwinden noch eine konkrete Frage nach einem weiteren Treffen oder ein Vorschlag für einen Ausflug am Wochenende vor, was es dem Zurückgebliebenen noch viel unerklärlicher machte, weshalb auf seine Antwort dann so plötzlich jegliche Kommunikation ausblieb und man sich daraufhin selber ausrechnen durfte, dass die vom Gegenüber vorgeschlagenen Vorhaben nun wohl auch nicht mehr stattfinden würden. Es war als würde man urplötzlich in ein dunkles Erdloch gestürzt, tappte dort rat- und orientierungslos umher, versuchte vergeblich noch ein paar Signale zu ergattern oder zu senden, um sich dann irgendwann wohl oder übel einfach mit der Situation abfinden zu müssen und sich langsam an die Dunkelheit zu gewöhnen.

Eine graduell andere Stufe ist das benching. Dort meldet sich die Person zwar, aber immer nur unregelmässig und oft sehr ausweichend und unverbindlich – man sitzt sozusagen auf der Ersatzbank und wartet vergeblich auf seinen Einsatz, wird aber ständig irgendwie im Glauben gelassen, dass man irgendwann dann schon mal noch zum Zug kommt. Aber wie eine liebe Freundin von uns beiden immer zu sagen pflegt: „sich bemühen sieht anders aus“ und offensichtlich scheint der Team Coach just not that into you zu sein, um Dich zum Hauptspieler auf dem Feld zu machen.

Das cushioning kommt nun sozusagen noch als Airbag-Sicherung hinzu. Wäre ich nämlich nicht so blöd gewesen, mich auf ein Objekt der Begierde während des datens zu konzentrieren, sondern hätte mir nebenher noch ein paar Frischback-Brötchen im Tiefkühler (oder eben auf der Ersatzbank) gehalten, dann wäre der Sturz ins schwarze Erdloch nicht ganz so dramatisch gewesen. Ich hätte in meinem Loch einfach den Tiefkühler aufgemacht, 1-2 Frischback Brötchen rausgeholt, diese in den dating Ofen geschoben und voilà, der Geist wäre schnell vergessen gewesen. Ja, schön blöd kann man jetzt finden, Voraussicht ist doch schliesslich alles. Nur: will ich denn Frischback Brötchen essen, wenn ich mich doch eigentlich auf das duftende, knusprige Brot vom Bäcker gefreut hatte? Hinterlässt das nicht einen etwas faden, aufgebackenen Nachgeschmack und lässt mich die ganze Zeit noch mehr an das eigentlich angestrebte knusprige denken? Oder muss ich einfach nur genug von dem aufgebackenem essen und dann vergesse ich irgendwann schon, wie richtig gutes, frisches Brot schmeckt? Will ich das denn vergessen?

Dummer- (oder vielmehr glücklicher-) weise bin ich so aufgewachsen, dass wir bei uns zu Hause zum Nachtisch immer nur ein Stück Kuchen aussuchen durften und nicht eine ganze Patisserie Auslage. Ich bin es mir schlicht nicht gewohnt, dass mehrere Kuchenstücke gleichzeitig gegessen werden sollen. Danach wäre mir ja schlecht bei all den Geschmacksvermischungen. Meine ursprünglichen Gelüste zielten doch ganz klar auf den Schokokuchen – wie könnte ich mich da mit einer Rübentorte als Variante zufriedengeben? Keine Frage, ich mag auch Rübentorte. Aber eben nicht gleichzeitig mit dem Schokokuchen.

Ok ok, ich schweife etwas ab mit den Brot- und Kuchengeschichten hier. Was ich damit sagen will: egal wer welchen und wieviel Kuchen essen will, das Problem ist doch heute, dass es am Schluss nur noch darum geht Kuchen zu essen, statt sich wirklich damit auseinanderzusetzen, auf welchen Geschmack man eigentlich wirklich Lust hat und diesen ausgiebigst Stück für Stück zu probieren und in all seinen Facetten kennenzulernen und zu geniessen. Alles wird parallel gefahren einfach für den Fall, dass man von einer Sorte enttäuscht oder abgelehnt werden könnte oder sich am Objekt der Begierde doch ein kleinstes Anzeichen von Unzulänglichkeit zeigen könnte und sofort eine brauchbare Fallback Version zur Verfügung hätte. Dabei geht jeglicher Respekt vor dem Einzelnen verloren, es geht nur noch um die Befriedigung des eigenen Egos.

Und genau hier setzt das Übel des digitalen Zeitalters an. Diese Verhaltensweisen sind nicht Ausfluss davon und früher war auch nicht alles besser. Sie sind menschlich und waren schon immer da, machen wir uns nichts vor. Das Liebesspiel war und ist eben ein Spiel und leider von fairplay nicht undbedingt gesegnet. Der Unterschied zu früher ist, dass die digitale Kommunikation diese rücksichtslosen Verhaltensweisen heute geradezu schüren. Früher musste man noch anrufen oder einen Brief schreiben, wenn man mit jemanden in Kontakt treten respektive diese Person treffen wollte. Da musste man schon im Vorfeld mal etwas mehr Aufwand betreiben und hat sich gleich zu Beginn gefragt, ob man eigentlich interessiert genug ist, um sich die Mühe überhaupt zu machen. Heute geht man im langweiligen meeting eben mal seine tinder oder what’s app liste durch und schreibt kurz eine message. Schnell, unverbindlich, schaumermal.

Wie hätte man früher ghosting betreiben sollen, wo man nicht auf dem display sehen konnte wer anruft? Das Telefon hatte einfach unerbittlich geklingelt und irgendwann musste man rangehen und sich der Situation stellen. Wegdrücken, blocken, stumm stellen gab es nicht. Auch das benching wird heute durch social media und andere Kanäle gefördert. Easy mal paar Instagram posts liken und mit thumbs up und Herzchen kommentieren. Interpretation davon ist einem selbst überlassen und kann eigentlich nur falsch gedeutet werden, denn „hey, das war ja nur auf social media und heisst gaaaaar nichts! Darauf kannst Du mich nicht behaften, macht doch jeder.“

Ja klar,  und genau weil’s jeder macht, haben diese Trends  einen Namen bekommen. Und wir alle wissen, was es heisst, „wenn man die Dinge beim Namen nennt“: es wird Ihnen mehr Bedeutung zugemessen. Sie werden offizialisiert und damit gesellschaftlich akzeptiert. Und so heisst es nun: „was willst Du, ist doch normal, dass sich der Typ einfach nicht mehr meldet, er hatte eben kein Interesse mehr, checkst Du’s nicht?“ Und: „logisch, jeder cushioned sich doch mit ein paar Eisen im Feuer, dann ist schnell Ersatz da, wenn die alte Beziehung ausgedient hat, easy.“ Von wirklichem Interesse an einer Person, Respekt, Vertrauensbildung und anständigem Umgang miteinander ist leider allzu oft nur noch wenig übrig.

Es klingt dramatisch. Ist es auch finde ich. Es ist richtiggehend anstrengend und mühsam geworden zu daten. Wieviele andere sind noch im Spiel? Meint er/sie das jetzt wirklich so oder sagt er/sie das einfach, um mein Interesse aurechtzuerhalten? Kommt er/sie heute abend an das date oder sagt er/sie 1h vorher doch noch ab? Habe ich was falsches gesagt, oder warum meldet er/sie sich nicht mehr? Wer ist das da neben ihm/ihr auf dem facebook Bild? Und sagte er/sie nicht, dass er dieses Wochenende arbeitet? Warum postet er/sie denn ein Bild bei schönstem Sonnenschein auf der Skipiste mit schon wieder dieser anderen Person??

Wie gesagt, die Verhaltensweisen haben sich nicht grundsätzlich geändert. Sie sind nur durch die Digitalisierung sichtbarer, einfacher und extremer geworden. Und der ganze Spass am Spiel ist dabei verloren gegangen, denn die Regeln sind unklar und unverbindlich geworden, so dass jeder nur noch schaut, dass er/sie mit möglichst wenig Schaden davon kommt. Herzensabsicherung eben.

Alles Liebe, Deine Julie

 

 

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